Ortfried Engler Echo

 

Laudatio von Reinhard Fritz
zur Verleihung des Seerosenrings an Ortfried Engler
am 28. Januar 2013 im Münchner Künstlerhaus


SeerosenringSehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich freue mich den diesjährigen Seerosen-ringträger mit einigen ausgewählten Aspekten vorstellen zu dürfen. Bei der Arbeit an diesem Text ist mir die Dialektik von kennen und kennen lernen wieder einmal bewusst geworden.

Lieber Ortfried, Du wurdest 1943 in Potsdam geboren, bist in Augsburg aufgewachsen, hast in München Germanistik, Geschichte und Geographie studiert. Du lebst und arbeitest in und um Pasing, u.a. als Lehrer, engagierter Citoyen und gestaltender Mensch. Seit ca. 25 Jahren machst Du Ausstellungen mit und ohne eigene Beteiligung.

Das ist nicht gerade eine Standardbiographie eines bildenden Künstlers, wenn es
so etwas überhaupt gibt. Zum einen ist für künstlerische Berufsfelder der Besuch spezieller Fachausbildungsinstitute nicht zwingend vorgeschrieben, und zum anderen gibt es in Zeiten eines erweiterten Kunstbegriffes viele persönliche, aus der eigenen Lebensgeschichte erwachsende Möglichkeiten ein Bewusstsein für Kunst zu entwickeln, sich handwerkliche Fähigkeiten anzueignen und selber Künstler zu werden.

Ich möchte meinen Vortrag mit zwei szenischen Bildern beginnen.

Das erste Bild entnehme ich der Presse. Du stehst auf dem Dach Deines Autos
und sprichst zu mehreren hundert Menschen. Was ist passiert? Im Zuge eines Bürgerprotestes gegen Mobilfunkantennen in einem Pasinger Wohngebiet habt ihr im Rahmen einer Demonstration ein überdimensioniertes "Verhüterli" aus Plastik über eine Mobilfunkantenne gestülpt, die zuvor in einer Nacht-und-Nebel-Aktion montierte wurde. Daraufhin ist die Polizei angerückt und Du hast, als Verhandlungsführer der Demonstration von der Polizei akzeptiert, zu den Demonstranten gesprochen und sie aber, entgegen den Vorstellungen der Polizei, gebeten sich nicht einschüchtern zu lassen und zu bleiben.

Zweites Bild. Vernissage Deiner Ausstellung im Üblacker Häusl. Nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden der Freunde Haidhausens, Herrn Johann Baier, war ein Vernissage-Redner mit Namen O.E. angekündigt. "Ja wo ist er denn?" fragtest Du,
hast ihn schließlich am Eingang entdeckt und bist hinausgelaufen, um ihn zu holen.
Mit einem ausgewechseltem Sakko bist Du zurückgekommen, hast Dich als ebenjener Redner vorgestellt und über den Künstler Ortfried Engler gesprochen. Du hast uns verblüfften Kollegen und Besuchern damit Deine Fähigkeit gezeigt, in Rollenmustern zu denken und diese spielerisch auszuagieren.

Damals im Üblacker Häusl waren Deine Zeichnungen zu sehen, die Du nach eigenen Schwarz-Weiß-Fotos angefertigt hattest, indem Du mit einem Fineliner geduldig viele tausend kleine Striche und Punkte auf große weiße Papierbögen aufbrachtest, und damit von der Ferne den Eindruck erzeugtest, es seien tatsächlich grobkörnige Fotos, welche sich jedoch in der Nahsicht als ein Gewimmel von Punkten und Strichen entpuppten, sozusagen eine digitalisierte, aber handwerklich umgesetzte Sicht Deiner Fotos von Motiven wie Bunker an der Atlantikküste, die Du als "Chiffren der Macht" betitelt hast, schemenhafte Menschendarstellungen wie "Vater und Sohn" im Sessellift oder "Nachtweg", die Fotos von elektrische Leitungen, wie sie in der Großstadt über den Straßen hängen, wurden zu Linienkonstruktionen mit dem Titel "Hochspannung".


Später, in einer großen Ausstellung Deiner Arbeiten im Pasinger Rathaus, sah ich zahlreiche nur handtellergroße, farbige Miniaturen. Bei dem Betrachten dieser Miniaturen entstehen in der Vorstellung gigantische Farblandschaften mit Vulkanen, Meeren, Inseln und Gebirgen. Sie sprechen die Imaginationsfähigkeit des Betrachters an, in ein paar Farbflecken eine ganze Welt zu entdecken.
Die größeren Ölbilder mit dem kräftigen Farbauftrag wiederum hast Du immer wieder abgeschliffen und damit den Malduktus entfernt. Aus der Nähe erscheinen sie dadurch wie etwas Vorgefundenes, etwas Gealtertes und Wiederentdecktes. Ich meine, dass diese Fähigkeit zur Imagination ein tiefes menschlichen Vermögen ist, das in der Lage ist poetische Bilder - also etwas absolut Ursprüngliches - zu schaffen.


Schließlich Deine Teer- und Wachs-Bilder, die im Entstehungsprozeß mit Hitze und Lösungsmitteln, Ausdünstungen und Dämpfe erzeugen, die einem den Atem rauben und deshalb einen eigenen Arbeitsraum verlangen. Zwischen verdünnten und deckend pastosem Auftrag entstehen hier Bilder von Landschaften und Figuren, ähnlich den Daguerreotypien, einem Fotografie-Verfahren des 19. Jahrhunderts. Ähnliches sieht man auch, wenn man bei grellem Sonnenlicht die Augen schließt und durch die Augenlider noch Hell und Dunkel unterscheiden kann. Der Werkstoff Teer, der es Dir besonders angetan hat, wird auch zum Abdichten beim Bauen verwendet. Und als ein Mensch der handwerklich sehr geschickt ist, schon früh mit Bauen und Teer zu tun gehabt hat, der darüber hinaus über Werkzeug und Werkstatt verfügt, entlockst dem Teer künstlerische Gestaltungsmöglichkeiten.

Ergänzt wird Deine künstlerische Arbeit durch Aktionen im öffentlichen Raum und durch Installationen und Objekte. Durch zahlreiche Ausstellungsprojekte, unter anderem in der Pasinger Fabrik und Initiativen im Raum Pasing, bist Du damit schon vor über 20 Jahren als Kunstschaffender in Erscheinung getreten.

In Deiner Ausstellung in Vaterstetten zeigtest Du neben den eben beschriebenen Arbeiten die Installation "Lebenswege" mit einzelnen Schuhen, von Eisenstangen durchbohrt und in alle Richtungen weisend, schwankend als Wald aufgestellt und mit dem Titeln wie "gestern, heute, morgen" (mit Kinderschuhen) und "Was bleibt?"
(mit Herrenschuhen) versehen. Die Stäbe und die Schuhe unterschiedlicher Art und Qualität sind so gewählt, dass sie im Wind oder bei leichter Berührung rhythmisch schwingen und so die durch ihre unterschiedliche Ausrichtung angedeutete Bewegungen verstärken oder abwandeln. Die Schuhe korrespondieren miteinander und mit der Umgebung. Sie verweisen mit der Frage: "Wo kommst Du her, wo gehst Du hin?" auf existentielle Situationen und Vorgänge im Leben, wie z.B. Flucht und
Vertreibung, und die daraus resultierenden Schicksale.

Mit diesen Schuhinstallationen sprichst Du viele Besucher ganz direkt an. Und obwohl sie einfach zu deuten sind, habe ich beobachtet, dass diese Installationen immer wieder Betrachter verunsichern und sogar verärgern.

Der Schuh ist in vielen Kulturen mit Bedeutungen und Aberglauben besetzt. Im Islam drückt man seine Abneigung z.B. mit dem "Schuh werfen" aus, und in unserem Kulturkreis darf man, einem Aberglauben folgend, seinem Partner keine Schuhe schenken, weil er sonst davon läuft d.h. einen verlässt.

Ich erschrecke jedes Mal besonders, wenn ich am Straßenrand einen Schuh liegen sehe. In meiner Vorstellung entstehen Bilder von ganz entsetzlichen Begebenheiten. Dass der Symbolgehalt des Schuhs eine enorme Sprengkraft enthält, zeigt auch folgende kleine Begebenheit, die ich in einer Fortbildungsveranstaltung zur Gruppen-dynamik erlebt habe. Als der Protokollant, der im Kreise sitzenden Teilnehmer in einer längeren Schweigephase besonders viel schreibt, schließlich darauf angesprochen wird, was es denn da zu schreiben gäbe, die detaillierte Beschreibung der Schuhe der Teilnehmer vorliest, bricht ein Sturm der Entrüstung los, so wie wenn er etwas Unanständiges getan hätte.

Lieber Ortfried, ich möchte auf Deinen Lebensweg zurück kommen, genauer auf Deinen Weg zur Kunst. Als notorischer "Sinn-Sucher" führte Dich Dein Weg nicht erst seit dem Studium zur Beschäftigung mit Kunst. Später im Unterricht am Gymnasium und durch zahlreiche von Dir angeregte, fachübergreifende Ausstellungsprojekte im schulischen Rahmen und deren zum Teil aufwendiger, künstlerischer Ausstellungsgestaltung z.B zum Thema Umweltschutz, kamst Du auf einer ganz praktischen Ebene zur Beschäftigung mit Ästhetik und Bedeutung. In einer tiefen persönlichen Lebenskrise in den 90er-Jahren wendest Du Dich aktiv der bildenden Kunst zu und entdeckst deren Möglichkeiten zum existentiellen Ausdruck in Zeichnung, Malerei und Skulptur.

Durch Deine im Beruf und bei Bürgerprojekten bekannt gewordene Ausdauer und Beharrlichkeit, sowie Deine Energie und Dein Durchsetzungsvermögen ist es Dir gelungen, die zuvor beschriebenen Werkgruppen zu schaffen.

Bei Deinem Eintritt in den Seerosenkreis vor ca. 13 Jahren hast Du allen Irritationen bezüglich Deiner Künstler-Existenz und Biographie getrotzt. Du hast u.a. eine enge künstlerische Zusammenarbeit mit Sylvie de Muralt, Erhard Paskuda und Petra Bergner begonnen. Überhaupt hast Du die für Künstler wichtige Fähigkeit, aus dem Gegebenen zu schöpfen und auch Haupt- und Nebenwege beschreiten zu können. Deine in Vaterstetten gezeigte Installation "Umwege" war eine raffinierte Darstellung von unterschiedlichen Karrieren und Möglichkeiten, seine Ziele zu erreichen, einschließlich des möglichen Absturzes.

Zum Schluss meiner Betrachtungen komme ich auf Dein ausgeprägtes soziales Engagement zu sprechen. Du hast Dich u.a. mit viel Energie und Zeitaufwand um Erhard Paskuda gekümmert, insbesondere als er nach dem Tod von Sylvie de Muralt verwitwet und immermehr auf den Rollstuhl angewiesen war. Du hast mit ihm Ausflüge in die Parks und Ausstellungen in München gemacht. Du hast für ihn Ausstellungen organisiert und Bilder verkauft. Bis zu seinem Tod, und der von Dir in Abstimmung mit den Hinterbliebenen gestalteten Trauerfeier anlässlich seiner Beerdigung, hast Du mit ihm lebhaft z.B. darüber diskutiert, ob sein Überleben als Aufklärungsflieger im 2. Weltkrieg, er wurde ja mehrmals abgeschossen, ist aber mit dem Fallschirm immer hinter den eigenen Linien gelandet, ob sein Überleben, wie er meinte, an seinem hervorragenden fliegerischen Können lag, oder, wie Du meintest, dass er einfach sehr viel Glück gehabt hat.

Diese und viele andere Gedanken gingen mir durch dem Kopf, als wir mit Konrad Hetz und anderen Seerosenkreislern nach Paskudas endgültiger Einweisung in ein Pflegeheim das gemeinsame Atelier von Sylvie und Erhard ausräumten und Du die vielen Bilder, dieser von uns geschätzten Künstler, im gemieteten LKW in einen Atelierraum von Petra Bergner außerhalb von München transportiertest, wo sie nun vorübergehend bis auf weiteres gelagert sind.

Lieber Ortfried, Du bist als politisch denkender und handelnder Bürger, als ein um Gestaltung ringender Künstler und als sozial engagierter Mensch eine Bereicherung des Seerosenkreises und hast den Seerosenring wirklich verdient.

Wir freuen uns auf Deine Beobachtungen und Aufzeichnungen aus dem Münchner Kunstleben in diesem Jahr, in dem Du der Träger des Seerosenringes bist.
Und ich darf mich bei Ihnen für die Aufmerksamkeit bedanken, die sie meinen Ausführungen entgegen gebracht haben.

Anmerkung des Geehrten: Beim ersten Bild sind mehrere tatsächliche Ereignisse in dramaturgisch-künstlerischer Freiheit zu einer verdichteten Kollage zusammengefasst – wie bei guten Bildern stimmen die einzelnen Elemente und das Ganze ist stimmig.


Letzte Aktualisierung: Oktober 2013 • StartseiteKontakt© 2011 Natalie Seiffert